﻿{"id":2738,"date":"2023-12-02T11:08:15","date_gmt":"2023-12-02T10:08:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudiawessling.de\/?p=2738"},"modified":"2023-12-02T11:11:10","modified_gmt":"2023-12-02T10:11:10","slug":"arbeitswild-ein-beitrag-zur-diskussion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudiawessling.de\/index.php\/arbeitswild-ein-beitrag-zur-diskussion\/","title":{"rendered":"Arbeitswild &#8211;  ein Beitrag zur Diskussion"},"content":{"rendered":"\n<p>Es handelt sich um keinen Tippfehler, noch nicht einmal um ein Substantiv. Gemeint ist: arbeitswild im Sinne des ureigenen Antriebes, der uns Menschen dazu bringt, eine Aufgabe verrichten zu wollen, kurz gesagt: anpacken zu wollen, gerne etwas zu tun zu haben. In der derzeitigen Gemengelage im Bereich der Arbeitswelt ist dieser Aspekt m\u00f6glicherweise in der Diskussion um Selbstverwirklichung, Purpose und Homeoffice-Tage untergegangen. Oder ist das Wild-sein auf Arbeit und Aufgaben durch Aussterben bedroht im entfernten Zusammenhang mit dem Personal- und Fachkr\u00e4ftemangel?<\/p>\n\n\n\n<p>Das wissen wir nicht. Es geht auch nicht darum, obige Aspekte abzulehnen, blind zuzustimmen, einseitig zu betrachten oder ein Entweder-Oder zu erzeugen. Vielmehr sollte es wie so oft um den Gesamtkontext und die N\u00fctzlichkeit gehen und dazu hier ein paar Gedanken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wildwechsel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es um (Arbeits-) Motivation geht, spielen neben Werten und sonstigen Anreizen die Antreiber eine Rolle. Gemeint sind innere Bestrebungen, die uns einen bestimmten Fokus f\u00fcr unser Handeln setzen lassen. Nehmen wir an, Menschen verf\u00fcgen \u00fcber ausreichend inneren Antrieb, wollen arbeiten, sich aus- und weiterbilden und zu Fachkr\u00e4ften entwickeln. Das w\u00fcrde bedeuten, es g\u00e4be irgendwo Bewerber:innen um qualifizierte Arbeitspl\u00e4tze. Demgegen\u00fcber stehen \u2013 neben sonstigen H\u00fcrden &#8211; Bewerbungsprozesse, die in ihrer digitalen Form oft hochgradig entpersonalisiert sind und damit demotivierend.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier w\u00e4re Design Thinking ein m\u00f6glicher Ansatz, um einmal der Frage nachzugehen, was es br\u00e4uchte, um dies f\u00fcr Unternehmen als auch f\u00fcr Bewerber:innen respektvoller und zielf\u00fchrender zu gestalten. Dann g\u00e4be es m\u00f6glicherweise mehr Matches und weniger Bubble (im Sinne von Streuverlusten) in diesem Prozedere. Es ist selbstverst\u00e4ndlich nicht so simpel und es gibt Berufszweige in denen der Nachwuchs tats\u00e4chlich und drastisch fehlt, dennoch w\u00e4re es zumindest ein erster Ansatz f\u00fcr einen notwendigen arbeitsweltlichen Haltungswechsel statt Wildwechsel f\u00fcr Bereiche, in denen da drau\u00dfen durchaus Menschen sind, die wild auf Arbeit und Herausforderung sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wilde Philosophie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kommen wir zur Selbstverwirklichung als mittlerweile postuliertem Anspruch am Arbeitsplatz. Konstruktivistisch betrachtet m\u00fcsste hier zun\u00e4chst gekl\u00e4rt werden, was das Selbst ist und wann von seiner Verwirklichung gesprochen werden kann. Ein Selbst als Figur entsteht durch Unterschiedsbildung vor einem Hintergrund, folglich existiert es nur im Kontext. Das bedeutet, bei der Selbstverwirklichung m\u00fcssen Kontext und Dynamik ber\u00fccksichtigt werden, denn eine Betonung des Einen erzeugt Unsch\u00e4rfe im Anderen. Die Frage ist, ob dies bei der Suche nach Selbstverwirklichung mitgedacht wird?<\/p>\n\n\n\n<p>Unternehmen berichten, Mitarbeiter:innen w\u00fcrden bei Befragungen als Ver\u00e4nderungswunsch Selbstverwirklichung angeben. Ratlos sei man nun, was das konkret bedeute. Das Problem k\u00f6nnte darin liegen, dass der Begriff sozusagen ent-kontextualisiert verwendet wird und Arbeitsgeber mit dieser doch sehr philosophischen Frage schlicht \u00fcberfordert werden. Hat sich das schon einmal jemand \u00fcberlegt? Vorschlag zur G\u00fcte: Kontext schaffen, konkret werden. Welche Aufgaben liegen mir, was korrespondiert mit meinen Werten? Selbstverwirklichung ist wunderbar, nur so ganz allein und frei schwebend einfach un-begrifflich und zu wild, als dass sie in dieser Form f\u00fcr die Arbeit domestiziert werden k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wildwuchs<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und was ist mit dem Purpose, also Sinn? Seit langem Leit\u00fcberschrift vieler Fachartikel und Untersuchungsgegenstand im Zusammenhang mit F\u00fchrungshandeln? F\u00fchrungskr\u00e4fte sollen Sinn stiften am Arbeitsplatz. Hier stellen sich, konstruktivistisch gesehen, gleich mehrere&nbsp; Fragen: was ist das, f\u00fcr wen und in welcher Form? Hier sind sowohl Erwartungsexplosion bei Mitarbeitenden als auch Umsetzungs\u00fcberforderung bei F\u00fchrungskr\u00e4ften im Lieferumfang enthalten, wenn diese Begriffe nicht in den (sinnvollen) Kontext gesetzt und f\u00fcr diesen definiert werden. Das bedeutet auch, konkret zu werden, um Handlungen daraus ableiten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst ein Gedanke dazu aus dem Zen: \u201e<em>Das Geheimnis ist: es gibt kein Geheimnis<\/em>. Alles ist genau das, was es zu sein scheint. Dies hier ist es! Es gibt keinen verborgenen Sinn. [\u2026] der einzige Sinn, den unser Leben hat, ist der, den wir selbst ihm geben.\u201c<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Basierend auf diesen Gedanken bestimmte jeder selbst den Sinn, folglich w\u00e4re es ein paradoxer Auftrag an eine F\u00fchrungskraft, Sinn f\u00fcr andere zu erzeugen. Was aber stattdessen?<\/p>\n\n\n\n<p>Unternehmen haben Werte und Ziele und dementsprechende Strategien \u00fcberlegt, um diese zu erreichen. Es bedarf der permanenten \u00dcberpr\u00fcfung und Anpassung, dennoch gibt es einen ungef\u00e4hren Kurs. Der Sinn k\u00f6nnte sein, diesem Kurs zu folgen. Bis zur n\u00e4chsten Reflexionsschleife. Dann w\u00e4re die geforderte Sinnstiftung durch die F\u00fchrungskraft bzw. das Unternehmen eher eine gelungene \u00dcbersetzungsleistung der Vision, der damit verbundenen Werte und der Mission, um alle Beteiligten gut einzubinden und dabei zu haben auf diesem Kurs. Und zuzuh\u00f6ren, wenn Mitarbeitende sinn-volle Ideen zur Kursgestaltung einbringen. Quasi als willkommene Graswurzelinitiative mit Wildblumenanteil.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schutz der Wildnis<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kommen wir zur Homeoffice-Debatte. These: Im Grundsatz geht es die Erhaltung der Unternehmenskultur durch Pr\u00e4senz. Hypothese: es geht auch um die Leitunterscheidung Vertrauen \u2013 Kontrolle. Es gibt nat\u00fcrlich Arbeitspl\u00e4tze, f\u00fcr die Homeoffice einfach keine Alternative ist, da Pr\u00e4senz unumg\u00e4nglich ist. Oder gibt es gar schon \u00dcberlegungen, Teile gro\u00dfer Produktionsstra\u00dfen oder Krankenbetten in Wohnzimmerecken von Angestellten aufzubauen?<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zu den Arbeitspl\u00e4tzen, f\u00fcr die Homeoffice eine deutliche Alternative ist, da die Arbeitsleistung auch auf Distanz erbracht werden kann. Debattiert wird \u00fcber die Anteile und Frequenz von Homeoffice und es gibt gute Argumente beider Seiten: Erhalt des Gemeinschaftsgef\u00fchls unter den Mitarbeiter:innen einerseits, Erhalt des Zeitvorteils und Nutzen f\u00fcr das Privatleben andererseits. Wenn es darum geht, wer gewinnt, verlieren alle. So kommen wir also nicht weiter. Es br\u00e4uchte ein multiperspektivisches Vorgehen, eine bunt gemischte Gruppe, die dies im jeweiligen Unternehmen untersuchte und eine hilfreiche Organisationsentwicklung initialisierte, um sowohl die Unternehmenskultur zu erhalten als auch die Erm\u00f6glichung zu leben. Es gibt wie so oft keine Blaupause oder Quote, es h\u00e4ngt vom individuellen Kontext und den Menschen ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Generell k\u00f6nnten solche \u00dcberlegungen den Schieberegler in der Hier-Dort-Diskussion entlasten. Eingebundene Erm\u00f6glichung anstelle von teilweise zu beobachtender Rigidit\u00e4t, um die Aufmerksamkeit wieder auf den Sinn der Veranstaltung zu legen: die Arbeit erledigen. Und Punkt. Die Debatte w\u00e4re obsolet, es ginge ganz simpel um Ergebnisse und um angemessene und sinnvolle Pr\u00e4senz zur Konzertierung der kollektiven Arbeitswildnis.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wild bleiben<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als eine Vertreterin der systemischen Haltung an dieser Stelle der Hinweis: alles, was hier zu lesen ist, sind wilde Gedanken zu Themen, die in der Arbeitswelt gerade viel diskutiert werden. Es g\u00e4be noch so viel mehr dazu zu \u00fcberlegen, unz\u00e4hlige nicht ber\u00fccksichtigte Aspekte. Sich zu trauen, die wilde Frage zu stellen: \u201eWorum geht es, wenn es nicht mehr um die Aufgaben an sich geht und wie kommen wir in der Arbeitswelt angemessen arbeitswild weiter, um uns auf die Aufgaben konzentrieren zu k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Thema ist komplex und zwischen Gulag und Freizeitpark ist noch jede Menge Platz, also Arbeitsplatz. Diesen gilt es mit kooperativer Haltung auf beiden Seiten des Verhandlungstisches zu gestalten, um wie wild an der gemeinsamen Sache zu arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"https:\/\/www.claudiawessling.de\/wp-admin\/post.php?post=2645&amp;action=edit#_ftnref1\">[1]<\/a> Sheldon B. Kopp: Triffst du Buddha unterwegs\u2026, 3. Auflage: Mai 2016, Fischer Verlag, Frankfurt\/M, S. 174\/175<\/p>\n\n\n\n<p><em>Claudia Wessling, 4. August 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es handelt sich um keinen Tippfehler, noch nicht einmal um ein Substantiv. Gemeint ist: arbeitswild im Sinne des ureigenen Antriebes, der uns Menschen dazu bringt, eine Aufgabe verrichten zu wollen, kurz gesagt: anpacken zu wollen, gerne etwas zu tun zu haben. In der derzeitigen Gemengelage im Bereich der Arbeitswelt ist dieser Aspekt m\u00f6glicherweise in der Diskussion um Selbstverwirklichung, Purpose und Homeoffice-Tage untergegangen. 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